Crowdfunding für ein Festival

Crowdfunding für Events und die Sache mit den Tickets

Zur Frage nach Crowdfunding für Events habe ich bereits 2012 in meinem Blog Kultur2Punkt0 einen Beitrag mit vielen Beispielen veröffentlicht. An diesen Beitrag möchte ich mit weiteren Beispielen anknüpfen und die Aussagen, die ich 2012 traf, noch einmal überprüfen.

Vor allem die Frage, wie gut Tickets als Gegenleistung taugen, ist spannend, weil ich folgende Aussagen 2012 ein etwas verhaltenes Fazit zog und bereits 2013 das Auerworld Festival zeigte, wie es geht:

Der Anreiz ein Event bereits in einer frühen Phase zu unterstützen wird eigentlich mit einem Ticket allein nicht geschaffen.

Auch wenn sich technisch gesehen eine Plattform wie die Visionbakery, Startnext oder Inkobato kaum von Ticket-Verkaufsplattformen wie z.B. Amiando unterscheiden oder zumindest diese im Funktionsumfang nicht nachstehen, funktionieren diese offensichtlich nicht wirklich als solche.

An den Gegenleistungen macht sich sehr viel fest. Nicht zuletzt dort muss sich die Story wiederfinden.

Bevor ich jetzt die Frage der Tickets als Gegenleistung neu bewerte, möchte ich einen neuen Überblick über vergangene Events geben, die über Crowdfunding komplett oder mitfinanziert wurden.

Beispiele: Crowdfunding für Events

EventerfolgreichZielsummetatsächliches FundingAnteil über GegenleistungenSupporter
Auerworld Festival 2013ja18.00033.93930151970
Auerworld Festival 2014ja32.50055.079528231179
Auerworld Festival 2015ja59.50065.57565335959
6. KAOS-Kultursommer wieder am See!ja1454,701637,50104949
Eine Hüpfburg für „one world. many stories. – das Sommerfestival“nein195,8338105
2. Tag der Industriekultur Leipzig (Finanzierung von Werbematerial)nein970,1740527010
Leipzig eSports StarCraft II Community Cupja300529,4427528
4. Internationale Degrowth-Konferenzja15000165905500153
25Gestalten Abschlussausstellung Grafikdesignja559,5077558025
Party #GehtAuchAnders – Feiern für eine mutigere Politikja1000010022,388611244
Vegan Summer Day Leipzigja447644772056112
Startup Weekend Leipzig 2013ja25003520352050
Solikon2015 – Kongress Solidarische Ökonomie und Transformationja1000010011193571
Kunstrasen Erfurtja15001536918,4040
Temporäre Hafenbar Golden Cityja9999102777833121
Art Sound Festival #3nein800132923
BÄM ! Rummelplatz & Budengoldnein110025022516

Ticket vs. freier Eintritt

Mit Blick auf diese Beispiele fällt zunächst einmal folgendes auf. Es ist ein großer Unterschied, ob bei der Veranstaltung ein Ticket bezahlt werden muss, oder dies kostenfrei ist. Bevor ich auf diesen Unterschied eingehe, möchte ich ein paar Gedanken los werden, warum es auch Veranstaltungen ohne Eintritt gibt und geben muss.

Es gibt sie, die sehr guten Gründe für eine kostenfreie Veranstaltung. Beim Neustadt Art Festival, bei welchem ich ehrenamtlich 2013 u.a. die Crowdfunding-Kampagne geleitet habe, stand und steht das Ziel der Beteiligung und der Öffnung von Räumen im nicht-kommerziellen Kontext über allen anderen Zielen. Das Festival existiert regelrecht gerade deswegen, weil es zeigen will, dass kulturelle Beteiligung allem dadurch entsteht, dass Menschen aktiv gestalten und aktiv Räume öffnen. Kunst und Kultur zu schaffen ist nicht zuerst abhängig ist vom Geld, sondern von der persönlichen Entscheidung des Einzelnen und damit sind nicht Entscheidungsträger genannt, sondern in dem Sinne auch der „Nutznießer“ selbst.

Das klingt abstrakt, ich persönlich halte das aber für ein wichtiges Entwicklungsfeld. Es wird sich generell viel darüber ausgetauscht, wie für Kultur mehr Geld akquiriert werden kann, weil bekanntlich immer zu wenig da ist. Leider führt das immer mehr dazu, dass Kultur mit dem Vorhandensein von Geld gleichgesetzt wird. Kultur wird im öffentlichen Gespräch und in der Wahrnehmung gleichgesetzt mit einem kulturellen Angebot, als zuerst der Frage, ob ich Kultur rezipieren, oder noch eingeengter, konsumieren kann. Die einseitigen Überlegungen führen dazu, dass die Kommerzialisierung von Kultur ganz automatisch gefördert wird, eine meiner Meinung nach gleichzeitig notwendigen Bewegung zurück ist kaum erkennbar. Von einer Fachtagung auf der sich über die Entkommerzialisierung von Kultur ausgetauscht wird, habe ich leider auch noch nichts gehört, freue mich aber über jeden Link in den Kommentaren.

Weitere Argumente für kostenfreie Events sind u.a. die Beteiligung finanziell benachteiligter Bevölkerungsgruppen, zu verhindert über ein Eintrittsgeld eine Barriere zu bauen, Neues kennenzulernen oder auch einfach aus ökonomischen Gründen, dass die zusätzliche Infrastruktur für Organisation, Abrechnung bis dahin, dass man dann auch Zäune braucht, sich nicht rechnet oder die Gesamtkosten über die Maße in die Höhe schraubt.

Das Ticket, der größte Anreiz im Crowdfunding für Events?

Das Problem, welches sich über Crowdfunding quasi dann doppelt: Hat man keine Tickets, also zum einen auch so keine Einnahmen über Tickets, fehlen Tickets auch als Gegenleistung und damit ein wichtiger Anreiz. Die Kampagne des Neustadt Art Festivals 2015 hat das für mich noch einmal deutlich gezeigt. Das Programm 2015 war dem gegenüber von 2013 sehr viel vielfältiger, die Beteiligung war größer und es gab im Vorfeld und auch während der Crowdfunding-Kampagne mehr geäußerten Zuspruch in den Sozialen Medien. Zu einem stetigen Anwachsen der Fundingsumme führte leider auch nicht, es selbst bei dieser vergleichsweise sehr geringen Zielsumme ein kleines Nervenspiel.

EventerfolgreichZielsummetatsächliches FundingAnteil über GegenleistungenSupporter
Neustadt Art Festival 2013ja20002080171571
Neustadt Art Festival 2015ja1000100576542

Ich persönlich denke, dass beim Crowdfunding für das NAF15 wirklich viel gestimmt hat, es aber für den Abschluss einer Unterstützung an wirkungsvollen Gegenleistungen gefehlt hat. Der Anreiz, sich zu interessieren war spürbar vorhanden, der tatsächliche Klick mit dem man finanziell unterstützt, beinhaltet aber noch eine Entscheidung, besser gesagt eine Antwort auf die Frage: „Brauche ich das, für das ich mich als Gegenleistung entscheide?“

(Ein paar visuelle Defizite sind bei der Gegenüberstellung der Startnext-Seiten von 2013 und 2015, das erwähne ich aber nur zur Vollständigkeit der Analyse. So sieht man beim NAF13 eine deutlich bessere Bildsprache, z.B. mehr oder überhaupt Menschen auf den Fotos und offensichtlich wurden zuerst die Fotos bei den Gegenleistungen vergessen. Wissen muss man, dass genau in die Zeit des Finanzierungszeitraums vom NAF15-Crowdfunding ein Relaunch der Startnext-Seite vollzogen wurde. Wenn ich mich richtig erinnere, waren die Bilder bei den Dankeschöns vorher nicht so präsent, wie sie es jetzt sind.)

Das Auerworld bietet Tickets ausschließlich über Crowdfunding

Besonders deutlich wird die Bedeutung des Tickets beim Auerworld Festival. Der Ticketverkauf wurde komplett auf die Crowdfunding-Kampagne verlagert, das Alles-oder-Nichts-Prinzip also ohne Kompromisse umgesetzt. Auch wenn aus der Beobachtersicht spürbar war, dass die Organisatoren sich in den Folgejahren 2014 und 2015 viel über Neuerungen Gedanken machen mussten, waren die Crowdfunding-Kampagnen in den drei Jahren jeweils ein voller Erfolg!

Der Anreiz über ein Ticket ist unmissverständlich und direkt. Spannend für mich, das Auerworld Festival hat meine 2012 aufgestellte These, dass Crowdfunding-Plattformen offensichtlich nicht als Plattformen für den Ticketverkauf funktionieren, bereits 2013 widerlegt. Vergessen darf man natürlich weiterhin nicht, dass ein Festivalgänger wegen einer ganze Reihe von Gründen sich bereits lange vor dem Festivalwochenende für das Ticket entscheiden muss, aber das ist prinzipiell auch beim klassischen Ticketvorverkauf so. Die Story ist wichtig, die Protagonisten im Programm natürlich auch und ein Communitygedanke, der beim Auerworld Festival sehr deutlich zu spüren ist, erst recht.

Fazit:

Bei der Gegenüberstellung verschiedener Crowdfunding-Kampagnen zeigt sich, dass Tickets als Gegenleistung ein wichtiger Hebel sind. Das Auerworld Festival zeigt, wie man die Potentiale hinter Crowdfunding bestmöglich nutzt, z.B. durch den konsequenten Einsatz des Alles-oder-Nichts-Prinzips, also den Verkauf der Tickets ausschließlich über Crowdfunding.

Was weiterhin bestehen bleibt: Crowdfunding braucht gute Geschichten und viel Einsatz des gesamten Teams, nicht nur von einzelnen. Vor allem für Veranstaltung, die, wie das Auerworld 2013, nicht erst neue starten, sondern mehrere Jahre bereits existieren, sich in einer Größenordnung von 1000 bis 5000 Besuchern bewegen und denen auch schon bisher das Vorhandensein einer eigenen Community nicht komplett unwichtig war, sollten Crowdfunding prüfen und wenn, dann mit aller Konsequenz umsetzen.

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Kommentare:

  1. Mirko

    // antworten

    Hej Steffen,
    danke für die schöne Auswertung. Zu den Tickets beim Auerworld würde ich gerne anmerken, dass wir dazu selbst eine komplexe technische Lösung gebaut haben, die den gesamten Worklflow über Generierung, Versand und Entwertung auf dem Festival gebaut haben (Entwertung über QR-Code-Scanner an den Kassen). Ohne diese technische Lösung wäre das gesamte Thema Ticketing für unsere Größenordnungen sicherlich nicht machbar gewesen.

    Ich hatte dazu auch immer im Hinterkopf, dass das System mittlerweile so ausgefeilt ist, dass es eigentlich zu schade ist um es nicht noch mal zweitzuverwerten… ;)

    Viele Grüße,
    Mirko (Auerworld Festival)

    • Steffen Peschel

      // antworten

      Hallo Mirko,
      das wäre definitiv gut, wenn das anderen auch als Komponente zur Verfügung steht. Ihr könntet über Crowdfunding etwas Geld sammeln, damit ihr das System Open Source veröffentlichen könnt und mit dem Geld mindestens drei Jahre die Pflege und Weiterentwicklung sicherstellen könnt. Oder ihr schreibt es als Angebot mit auf eine Webseite, schreibt andere Festivals an und „vertreibt“ es direkt. Bei der Open Source-Variante muss das System natürlich auch entsprechend vorher durch Dritte geprüft werden, ob es nicht leicht gehackt werden kann, tatsächlich niemand eigene Tickets erstellen und irgendwie verticken kann.

      • Mirko

        // antworten

        Hej Steffen, guter Punkt. Das Crowdfunding wäre natürlich eine konsequente Variante, allerdings ist das denke ich so eine kleine Nische, dass ich den Erfolg hier kritisch sehe. Ansonsten leidet dieses Teilprojekt wie so viele andere auch an: fehlender Zeit für die Fortentwicklung. Kommt Zeit, kommt Rat.

Ihr Ansprechpartner:

  • Steffen Peschel
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